16. Juni 2011

Twitter.com

Vögel tun es ganz selbstverständlich. Seit ein paar Jahren zwitschern nun auch Menschen. Das englische Verb „to tweet“ bedeutet zwitschern. Die American Dialect Society hat den Begriff „tweet“ zum „Word of the Year“ 2009 gewählt. Zeitungsredakteure und Nachrichtenagenturen tun es, Politiker und Unternehmen tun es und Lieschen Müller es auch. Sie alle „zwitschern“, seit es Twitter gibt.


Was zunächst nur für die interne Kommunikation zwischen Mitarbeitern einer Firma in San Francisco genutzt wurde, begeistert heute Millionen Nutzer. Da die ersten Beteiligten großes Vergnügen an den Kurznachrichten fanden, präsentierten drei Väter der Idee (Jack Dorsey, Biz Stone und Evan Williams) den Online-Service im März 2006 zum ersten Mal der Öffentlichkeit. Schnell gewann der Dienst eine große Schar von Anhängern und erfreut sich seitdem großer Beliebtheit. Schon im ersten Jahr seines Bestehens verdoppelte sich die Anzahl der Nutzer monatlich. 2007 wurde Twitter als eigenständiges Unternehmen ausgegliedert. Im Jahr darauf wurde eine (englischsprachige) Version für japanische Nutzer geschaffen. Seit Ende des Jahres 2009 ist der Dienst in spanischer, französischer, italienischer und deutscher Sprache verfügbar.

Für viele ist und bleibt Twitter ein Rätsel. Deshalb möchte ich heute kurz erklären, was es mit diesem Phänomen auf sich hat.

Als Plattform ermöglicht es Twitter, kurze Textnachrichten zu verbreiten. Diese Wortmeldungen werden als „Tweets“ oder „Updates“ bezeichnet; das Schreiben auf Twitter wird umgangssprachlich „twittern“ genannt.
Das Prinzip ist denkbar einfach: Die Anmeldung bei Twitter ist kostenlos und unkompliziert mit wenigen Mausklicks zu bewerkstelligen. Als angemeldeter Benutzer kann jeder und jede Textnachrichten im Umfang von maximal 140 Zeichen verfassen und per Internet, SMS oder Instant Manager an den Dienst senden, wo sie umgehend eine mehr oder weniger große Öffentlichkeit finden. Jeder Absender entscheidet selbst, ob seine Nachrichten allen zur Verfügung gestellt werden oder der Zugriff auf eine Gruppe Auserwählter beschränkt bleibt. Auf der Website des Dienstes findet sich jede dieser Nachrichten unter einer Abbildung des Autors.

Im Netzwerk können die Nachrichten anderer Benutzer abonniert werden. Benutzer entscheiden, die Nachrichten welcher Autoren sie lesen möchten. Autoren werden als „Twitterer“ bezeichnet. Leser, die die Beiträge eines Autors verfolgen, werden „Follower“ genannt (engl. to follow = folgen). Sie können Einträge kommentieren und diskutieren. Insofern kann Twitter zum Austausch von Informationen, Gedanken und Erfahrungen genutzt werden.
Ob es sich bei Twitter allerdings tatsächlich um ein soziales Netzwerk handelt, bleibt strittig. Wissenschaftlern zufolge überwiegen einseitige Follower-Beziehungen. Eine Studie fand heraus, dass nur jeder fünfte angemeldete Benutzer langfristig aktiv twittert. Viele Nutzer schreiben nach ihrer Anmeldung weniger als zehn Nachrichten.

Im Vergleich zum Blogging wird das Twittern auch als „Mikroblogging“ bezeichnet, weil die Nachrichten auf jeweils 140 Zeichen begrenzt sind. In der Kategorie „Blogs“ gewann Twitter 2007 den „South by Southwest Web Award“. Dazu fand ich eine nette Anekdote: Jack Dorsey, einer der Gründer des Dienstes, hielt bei der Preisverleihung folgende kurze Rede: „Wir würden uns gern mit 140 Zeichen oder weniger bedanken; was wir hiermit getan haben.

Zumeist werden die Beiträge in der Ich-Perspektive geschrieben, sind also quasi ein öffentlich einsehbares Tagebuch. Ein Autor hält seine Leser in Echtzeit darüber auf dem Laufenden, was er gerade tut, denkt oder empfindet; äußert seine Meinung oder dokumentiert, was um ihn herum gerade geschieht. Viele fragen sich allerdings, was so faszinierend daran sein soll, Kurznachrichten darüber zu lesen, was andere gerade tun.

Dazu bemerkt Biz Stone in einem Interview: „Es spielt keine Rolle, was der Inhalt der einzelnen Nachricht ist. (…) Ich denke, es ist wichtig, dass die Leute sich verbinden und sich emotionale Nachrichten schicken, die ihnen etwas bedeuten. Sicher, wenn man die öffentlichen, neuesten Updates liest, sieht man die fremdartigsten Nachrichten. Zum Beispiel, was jemand zum Mittag hatte; und natürlich ist das banal. (…) Aber wenn man schaut, was unter der Oberfläche passiert, entdeckt man, dass viele Leute es nutzen, um zu kommunizieren, zu planen und andere interessante Dinge zu tun. (…) So kann aus einer scheinbar trivialen Nachricht ein sozialer Wert entstehen. Das ist so etwas wie soziale Alchemie, die da stattfindet. All dieses sinnlose Zeug und daraus entsteht etwas Wertvolles.

Kritiker sehen das naturgemäß etwas anders. Da wird Twitter schon mal als „Klowand des Internets“ oder als „Medium der sprachlich Verarmten“ verunglimpft. Befürworter halten dagegen, wer so rede, habe den Sinn von Twitter nicht verstanden.

Eines ist unstrittig: innerhalb kurzer Zeit hat sich Twitter zum Nachrichtenmedium entwickelt. Das bestätigten Forscher der südkoreanischen Kaist-Universität, die für eine Studie mehr als 100 Millionen Kurznachrichten wissenschaftlich ausgewertet haben. Die Forscher fanden heraus, dass dafür vor allem die so genannten „Retweets“ verantwortlich sind. Sehr schnell begannen die Nutzer von Twitter, Nachrichten anderer Nutzer zu wiederholen und damit weiter zu tragen. Mittlerweile ist diese Funktion in den Dienst installiert. Was vielen Nutzern wichtig erscheint, wird also häufig wiederholt, was zu einer Art Auslese unter den Millionen tagtäglich über Twitter verbreiteten Kurznachrichten führt. Hierbei setzen sich Themen durch, die auch in den klassischen Medien als Nachrichten auftauchen. Das überrascht nicht sonderlich, weil gerade die Kurznachrichten großer Nachrichtensender wie CNN oder anerkannter Printmedien wie der „New York Times“ besonders häufig wiederholt werden.
Allerdings führt die rasante Übertragung von Nachrichten via Twitter auch dazu, dass Falschmeldungen und Gerüchte multipliziert werden.
Eine Chance zur Berichterstattung bietet der Dienst insbesondere dort, wo klassische Medien zensiert werden. Da über Twitter auch vor Polizeiaktionen gewarnt oder zu Demonstrationen aufgerufen werden kann, hilft das Netzwerk in Krisenregionen bei der Organisation von politischem Protest.

Ein paar kritische Anmerkungen möchte ich noch loswerden.
Personenbezogene Daten der Benutzer werden von Twitter gesammelt und an Dritte weitergegeben.
Natürlich eignet sich Twitter auch vortrefflich dazu, ganz bestimmte Zwecke zu verfolgen. Unternehmen präsentieren ihre Produkte und nutzen Twitter für Marketingzwecke. Politiker nutzen Twitter nicht nur im Wahlkampf.
Wie sich über Twitter Meinungskampagnen durch Spamming organisieren lassen, versucht ein Forschungsvorhaben an der Indiana University gerade herauszufinden.
Eine Sicherheitslücke bei Twitter führte dazu, dass ein Befehl in das Webinterface der Plattform integriert werden konnte, der Nutzer (teils automatisch) dazu veranlasste, bestimmte Inhalte an ihre Follower weiterzugeben. Das funktionierte wie die Weiterverbreitung eines Wurms.

Barcardi wirbt auf Plakaten derzeit mit dem Slogan: „Lieber Dates als Updates“ – ein passables Schlusswort will ich meinen.

 

Mein Twitter-Account: https://twitter.com/Ivo89

Vielen Dank fürs lesen. =)

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